Konzertstationen:
22. Juli 1972: Kourakuen Stadion, Tokio
24. Juli 1972: Koshien Stadion, Osaka
TEIL 3: Jesus Christus und die 12 Roadies
Promotion ist ein sehr wichtiger Teil des Musikgeschäftes",
sagte Young auf dem Weg zurück ins Hotel. Und ELP kümmern
sich nicht genug darum. Letztes Jahr wollten sie einen Jet
chartern, um Hilfsgüter nach Bangla Desh zu schicken.
Das hätte ihnen eine Menge Publicity verschafft. Aber
dann entschieden sie sich dagegen. Greg sagte, er identifiziere
sich nicht mit den Zielen der dortigen Regierung.
Greg Lake: "Ich respektiere High-Level-Dealers"
Greg Lake, der Baßgitarrist,
ein kräftiger, rundgesichtiger junger Mann, der sehr
auf seinen Vorteil bedacht ist, erholte sich in seiner Suite
und sprach über Leute, die er respektiert. "Ich
respektiere High-Level-Dealers", sagte er, "Typen
wie Prinz Rupert Loewenstein (Rolling-Stones-Manager/Bernd
Franco Hoffmann) und Al Oerter (Amerikanischer Olympiasieger
im Diskuswerfen/Bernd Franco Hoffmann).
"Ich respektiere auch Muhamed Ali und Bertrand Russell
(Philosoph und Pazifist). Meine eigene Philosophie basiert
auf der Transformation von Energien. Und auf Jesus Christus,
einer der fähigsten Entertainer aller Zeiten. Er machte
sich mit seinen zwölf Roadies auf und ein paar von den
Sachen, die er brachte, schmeißen einen vom Stuhl. Er
war wirklich ein Schwergewicht, ich meine schließlich
kommen sie immer noch, um ihn zu sehen, jeden Sonntag, und
er tritt nicht mal auf. Ich hätte nichts dagegen, eines
Tages selbst mal Jerusalem zu spielen."
Das Fernsehinterview am Sonntagnachmittag ging glatt über
die Bühne. Es war die "Live Young Show" mit
einer Sehbeteiligung von 14,5 Prozent der Bevölkerung
und 50 Prozent der Zuschauer zu diesem Zeitpunkt. ELP teilten
den Auftritt mit zwanzig internationalen Teenager-Schönheitsköniginnen.
die erhitzt wirkten und sich nicht wohl zu fühlen schienen.
Saki aus der Bierflasche
Emerson, offensichtlich gelangweilt, trank Saki aus einer
Bierflasche und bot ihn Miss Luxemburg an, die nach einem
Blick auf ihren Aufpasser ablehnte. Das Interview war kurz
und die drei Musiker gaben sich würdevoll. Lake sagte,
prinzipiell seien sie alle Rhythmusspieler und Emerson, nach
seinen Hobbies befragt, meinte, er versuche gerne seine Oberlippe
his zur Nasenspitze hochzuziehen.
Die Japaner nahmen diese Offenbarung mit höflichem Interesse
auf, aber Miss Schweiz und Miss Portugal. gerade nicht im
Bild, lachten sich tot. Als alles vorbei war, zeigte sich
Udo befriedigt. "Es war O.K.", sagte er, "Vielleicht
verkauft dieser Auftritt zwei-, vielleicht dreitausend Plätze
im Stadion, Vielleicht".
An diesem Abend fuhren Lake und Palmer zum Korakven-Stadion,
wo ihr Konzert stattfinden sollte, um Shigeo Nagashima von
Tokio Giants, Japans Nationalheld, zu treffen. Udo war nervös,
verständlicherweise. Die Presse war zum diesem Treffen
eingeladen, aber Emerson hatte sich im letzten Moment für
einen ruhigen Abend im Hotel entschieden und sich geweigert,
mitzukommen.
Udo führte uns mit einem verzweifelten Schulterzucken
in die königliche Loge um Nagashima während des
Spiels gegen die Chunichi Dragotts zu beobachten. Lake und
Palmer schauten sich das Stadion an, das sie ein paar Tage
später mit Musik und, wenn möglich, mit Zuhörern
füllen sollten. Die Größe 50.000
Sitzplätze beeindruckte sie nicht sonderlich.
Sie haben im Madison Square Garden gespielt und damit verglichen
waren das hier kleine Fische.
Kein Emerson, keine Presse
Nach Spiel erschienen zwei Kameraleute, um die Begegnurig
aufzuzeichnen und Nagashima, ein großer zurückhaltender
Mann, dessen natürliche Höflichkeit etwas von der
Tatsache beeinträchtigt wurde, dass er schlecht gespielt
halte, machte höfliche aber umständliche Konversation
mit Hilfe einer Dolmetscherin.
Nach ein paar Minuten stand er abrupt auf und ging. Udo war
nicht glücklich. "Kein Emerson, keine Presse. Nagashima
beim zweiten Ball rausgeflogen und wisst ihr, was ich gerade
gehört habe? Ein neuer Taifun ist unterwegs." Udo
sah plötzlich furchtbar müde aus "Taifun Rita"
kommt schnurgerade auf Japan zu und soll am Tage des Konzerts
über Tokio sein. Ich glaube, ich gehe nach, Hause und
schlafe mal aus.
Der Auftritt in der Radio-Show fand die ungeteilte Zustimmung
der Musiker. Eine Gruppe niedlicher, kleiner Kinder war im
Studio und der Discjockey bat Emerson, sie am Klavier bei
"London Bridge is falling down" zu begleiten, das
sie für diese Gelegenheit eingeübt hätten,
Emerson gestand verlegen. dass er das Lied nicht kenne, und
nach einem peinlichen Schweigen spielte er eine komplizierte
Jazznummer. der die Kinder etwas niedergeschlagen und verwirrt
zuhörten.
Zur ELP-Pressekonferenz im Perlenraum des Hilton erschienen
fast zweihundert Kameraleute und Reporter, hauptsächlich
von der Musik-Presse. Udos Leute verteilten Drinks und spielten
ELP-Platten über die Hotellautsprecher, während
die Minuten vergingen und Udo mit einem Blick auf die Uhr
die Unpünktlichkeit der Engländer beklagte. Sie
kamen eine halbe Stunde zu spät und das ungeduldige Gemurmel
wurde lauter, als sie neben einer Dolmetscherin in weißer
Uniform Platz nahmen, die das Gebaren einer psychiatrischen
Krankenschwester hatte.
Die Fragen ließen sich voraussehen, hauptsächlich
über Hintergründe und Einflüsse. Palmer war
freundlich und jungenhaft, Lake ernst wie üblich, geläufig
und überlegt antwortend. während Emerson, der solche
Auftritte offensichtlich gar nicht mag, sich mit unverschämten
Antworten vor einem Eindringen in seine Privatsphäre
zu schützen versuchte.
Seine witzigen Antworten wurden allerdings von der Dolmetscherin
offensichtlich völlig verändert, denn die Reporter
notierten sie ohne den Schatten eines Lächelns.
Imitierte Goldene Schallplatten wurden den drei Musikern präsentiert,
um den Verkauf von 50.000 Pictures-Platten in Japan zu feiern.
(internationaler Verkauf: Fast eine Million). Mit höflichem
Applaus wurde die Konferenz beendet.
Udo war begeistert. "Fabelhaft", sagte er, "das
war die größte Pressekonferenz, die ich je gesehen
habe. Das gibt jede Menge Publicity. Noch was: Rita, der Taifun
hat nach Norden abgedreht. Geht weit an Tokio vorbei. Das
ist offiziell. Alles okay für heute Abend."
Der Musikkritiker von Asahi Shinibun. Japans einflussreichster
Zeitung. war weniger begeistert von der Konferenz. "Es
war O.K.", sagte er, "aber nichts Besonderes. Drittklassige
Sache, eher viertklassig . Sie hätten die Andy-Williams-Konferenz
sehen sollen.
Keith Emerson: "Krieg bringt bei den Leuten ihre
besten Qualitäten hervor"
Nun waren es noch 48 Stunden bis zum Konzert und die Musiker
begannen mit den Vorbereitungen. Abends trafen sie sich in
einem unbenutzten Fernseh-Studio, um den Anfang eines Stückes
zu proben, das ihnen in der Vergangenheit einige Schwierigkeiten
gemacht hatte. ein schnelles, präzises Arrangement von
Piano, Orgel und Bassgitarre, wobei die Instrumente mal synchron,
mal gegeneinander spielen, wie bei einer lebhaften Unterhaltung.
Schließlich gab sich Emerson zufrieden und fuhr zu
einem späten Essen mit ein paar Freunden ins Hotel zurück.
Er bestellte Shrimps, Käse, Biskuits und einen "Brandy
Alexander" und aß schweigsam. Er ist ein zurückhaltender,
stets höflicher junger Mann, der auf der Bühne eine
Persönlichkeitsveränderung zeigt, die fast schizophren
ist.
Emerson lebt für seine Musik, hat aber ein ebenso tiefes
Interesse an Gewalttätigkeit. Er erzählte mir von
einem Buch über die Erlebnisse eines deutschen Stuka-Piloten.
"Dieser Typ", sagte er mit seiner schnellen leisen
Stimme, wurde abgeschossen, klar? Halbtot kletterte er aus
dem Flugzeugwrack mit Gehirnerschütterung und schweren
Verletzungen. Aber irgendwie kam er zurück zu seinem
Heimatflughafen, schnappte sich eine nette Stuka und flog
los. Er flog wieder zum Schlachtfeld. fand den Panzer, der
ihn abgeschossen hatte und griff' ihn an Sturzflug an. Und
das in seinem Zustand!
So was erreicht der Krieg bei den Leuten. Ich meine, er bringt
ihre besten Qualitäten hervor und ein großartiges
Zusammengehörigkeitsgefühl. Es ist wie auf Popfestivals.
Wenn man in Pocano oder der Isle of Wight spielt, fühlt
man das gleiche. Es bringt Eigenschaften in Leuten hervor,
von denen sie vorher keine Ahnung hatten. Es ist ein großes
Gefühl. Können wir wohl den Kellner holen?"
sagte er dann, "und noch mehr Käse bestellen? Französischen,
wenn er hat. Ich bin hungrig."