Konzertstationen:
22. Juli 1972: Kourakuen Stadion, Tokio
24. Juli 1972: Koshien Stadion, Osaka
5. und letzter Teil: Mit dem Moog in den
U-Boot-Krieg
Geh und zieh dich um, Palmer", sagte Anthony "und
sag Greg, er soll anfangen, seine Gitarren zu stimmen. Funktioniert
das verdammte Ding jetzt? " fragte er Emerson, der noch
über seinen Moog gebeugt arbeitete. "Bisschen besser",
sagte Emerson, "aber nicht perfekt. Ein Roadie baut gerade
ein kleines Zelt auf, um ihn trocken zu halten."
Ich
entschloss mich, vor den Musikern auf die Bühne zu gehen.
Als ich aus dem Tunnel in die flutlichtüberströmte
Arena trat, wurde ich von einem tiefen erwartungsvollen Röhren
begrüßt; sicherlich das erste Mal, dass ein Mitarbeiter
unseres Blattes so begrüßt wurde. Mich irritierte
es eher. Ich winkte mit hocherhobenem Kugelschreiber und stieg
auf die Plattform, wo die Roadies in kurzen schwarzen Kimonos
oder Jacken gespannt die Ankunft ihrer Meister erwarteten.
Udo war auch da, eine kleine, nasse ängstliche Gestalt,
geblendet von den farbigen Scheinwerfern.
Wagen im Schlamm
Nach
einer Weile kam er zu mir rüber und sagte, zitternd vor
Ärger und Ermüdung: "Sie kommen zu spät.
Sie hätten schon vor vier Minuten hier sein sollen. Die
Fernsehleute sind stinkwütend! Warum kommen sie eigentlich
nicht? "
Dann änderte sich plötzlich das Geräusch der
Menge; diese riesige, laute, anonyme Masse dort oben in der
Dunkelheit stieß ein Freudengeheul aus und Vic, der
Chefroadie sagte zu seinen Leuten: "Sie kommen, Achtung!"
Die Wagen kamen durch den Schlamm herangeplatscht, die Musiker
sprangen heraus, verbeugten sich in ihren weißen Kimonos,
warfen sie ab und stürzten sich in "Hoedown, ihre
Eröffnungsnummer.
Dee Anthony lief unruhig hin und her hinter der unablässig
dröhnenden, nervtötenden Soundbarriere, die einen
Herzschlag mit der Lautstärke eines Kanonenschusses wiedergab,
Er schleppte einen Stapel Handtücher und feuerte seine
Leute an. "Go, go, go, go", schrie er; jeden, der
abwechselnd für eine kurze Pause und einen Schluck Brandy
nach hinten kam, umarmte er, wischte ihm den Regen vom Gesicht
und versicherte ihm, er sei das größte Ereignis
seit Noah.
Palmer, alter Trottel, kannst du mich hören?
Er
redete pausenlos. "Stell dich weit genug weg vom Mikrofon",
sagte er zu Lake "das verdammte Ding ist lebendig und
wird dich umbringen und für die erste Seite in der Zeitung
sind wir noch nicht fit! Sag jemand Palmer, er kann aufhören,
wenn er will. Palmer, alter Trottel, kannst du mich hören?
Du kannst fünf Minuten Pause machen, wenn du willst."
Lake ging ans Mikrofon zurück - wohlweislich einigen
Abstand haltend und sang "Lucky Man", was bei der
Menge einen freudigen Wiedererkennensschrei hervorrief. Anthony
sagte zu mir: "Emerson macht sich zuviel Sorgen. Aber
der Kerl ist ein Profi. Dieser verdammte Moog ist für
so einen U-Boot-Krieg hier nicht gebaut. Man hörts! Aber
wenn Emerson einmal loslegt, hält ihn nichts mehr auf.
Und wenn er ihm ins Gesicht fliegt, er würde aufstehen
und stepptanzen!
Okay, Palmer, du hast dich genug ausgeruht, an die Arbeit,
Baby." Palmer stolperte an die Drums zurück und
lieferte ein spektakuläres Solo. Die Nässe sprühte
nur so von den Becken und der Regen strömte ihm das Gesicht
herunter. "Yeah, Yeah, yeah", schrie Anthony begeistert,
während Vic, auf dem Wege, einen defekten Lautsprecher
in Ordnung zu bringen, im Vorübergehen zu mir sagte:
"Das sind die grässlichsten Wetterbedingungen, unter
denen ich je gearbeitet habe. Sie können mich ruhig zitieren!"
Bis nach Wladiwostok
Emerson,
Lake und Palmer kamen zum Höhepunkt der Show. In der
Schlußnummer "Pictures At An Exhibition",
einer freien, durchdringenden Version des Mussorgsky-Klassikers,
vom Publikum sehnlichst erwartet, greift Emerson seine Orgel
mit Messern an.
Dieses Mal jedoch hatte er noch eine Überraschung auf
Lager: Hinter dem Piano zog er ein Samurai-Schwert hervor,
und schwang es blitzend und schimmernd über dem Kopf.
Das ekstatisch anschwellende Geheul der Masse muss bis Wladiwostok
zu hören gewesen sein. Dann hieb er es vehement aber
gut gezielt zwischen zwei Tasten, was einen lang anhaltenden
Akkord produzierte und begann, die Orgel auf der Bühne
umher zu schleudern. Schließlich zog er sie auf sich
herunter und simulierte einen Geschlechtsakt.
Das undeutliche, aber wahrnehmbare Gefühl der Entrücktheit
Als die Nummer zu Ende war, ließen die Musiker die
Instrumente fallen, sprangen in die bereitstehenden Wagen
und verschwanden blitzartig. In der Erkenntnis, dass es vorbei
sei und keine Zugabe geben würde, machte sich die Menge
ruhig und ordentlich auf den Heimweg.
Auf dem Weg ins Hotel erbrach sich Emerson im Auto. Er übergab
sich ein zweites Mal im Hilton, aber es schien niemanden zu
überraschen. Er tut das fast nach jeder Vorstellung und
jetzt brauchte er einfach Ruhe und Einsamkeit. Nachdem sie
geduscht und sich umgezogen hatten, nahmen die Musiker ein
spätes Essen ein und bekannten sich zufrieden mit ihrer
Vorstellung in Anbetracht der furchtbaren äußeren
Umstände.
Zusammen mit Tots Nagashima tauchte Udo am nächsten
Morgen auf und berichtete, er habe nur 23.542 Sitze verkauft,
tausend seien an die Presse und Geschäftsfreunde gegangen.
Todernst fügte er hinzu - so als sei das ein Maßstab
für den Erfolg des Konzertes - man habe über zweitausend
Telefonanrufe von den Stadionanliegern erhalten, die sich
über den Lärm beschwerten. Die Kritiken seien generell
gut, man stimme darin überein, dass sich das Konzert
gelohnt habe, trotz der Wetterbedingungen, des defekten Moog
und einiger spielerischer Ungenauigkeiten, die sich jedoch
auf die lange Spielpause zurückführen ließen.
Die Musiker hörten kaum auf ihn. Sie bereiteten sich
schon auf den Abflug nach Osaka vor, wo sie ihr zweites, kleineres
japanisches Konzert geben sollten. Danach ging es nach San
Francisco, wo ein gecharterter Jet darauf wartete, sie kreuz
und quer durch die Staaten zu fliegen, wo sie zwanzig Konzerte
in fast ebenso vielen Tagen vor sich hatten. Es war nun eine
gewisse Gespanntheit um sie herum zu bemerken, das undeutliche,
aber wahrnehmbare Gefühl der Entrücktheit von alltäglichen
Dingen. Die Tournee hatte begonnen, Nach langer, ermüdender
Vorbereitungs- und Wartezeit waren sie wieder einmal dabei,
in Schwung zu kommen.
ENDE
Anmerkung des ELP-Webmasters: Das Japan-Abenteuer von Emerson,
Lake & Palmer stand wirklich unter keinem guten Stern.
Beim darauf folgenden Konzert im Baseballstadion von Osaka
rissen die Zuschauer beim Drumsolo von Carl Palmer die Zäune
im Stadion nieder, um in den Innenraum zu gelangen. Während
Palmer ahnungslose weiterspielte, waren Emerson und Lake unbemerkt
in einer Limousine aus dem Stadion geflüchtet. Das Konzert
war bald darauf abrupt beendet.