Konzertstationen:
22. Juli 1972: Kourakuen Stadion, Tokio
24. Juli 1972: Koshien Stadion, Osaka
Im Sommer 1972 rüsteten Emerson,
Lake & Palmer zu ihrer ersten Fernost-Reise, um zwei
Konzerte in Tokio und Osaka zu spielen, Die Tour war von einigen
Komplikationen begleitet und bei den Konzerten machten den
drei Herren besonders das Wetter zu schaffen.
Monate später berichtete das deutsche Musikmagazin
SOUNDS über das Japan-Abenteuer. Es ist einer der besten
und ausführlichsten Artikel, die wohl jemals in Deutschland
über Emerson, Lake & Palmer
erschienen sind. Er gibt einige interessante und aufschlussreiche
Einblicke in die Mechanismen des Musik-Business und über
die Eigenarten von Keith Emerson,
Greg Lake und Carl
Palmer. Weil der Artikel von Alexander Frater sehr umfangreich
ist, wird er auf der ELP-History-Website als eigene Rubrik
in regelmäßigen Abständen als spannende Fortsetzunggeschichte
veröffentlicht. Viel Vergnügen mit
TEIL 1: Ein Pornofilm namens Schneewittchen
Keith Emerson, Greg
Lake und Carl Palmer, drei
der dicksten Fische der Popmusikszene gingen mal wieder auf
Tournee. Erste Station war Japan, der zweitgrößte
Plattenmarkt der Welt.
Kurz nach vier Uhr nachmittags bekam die von Japan Airlines
gecharterte DC 8 Starterlaubnis von Healbrow. Minuten später
kletterte sie durch den diffusen, undurchdringlichen Dunst
eines englischen Sommernachmittags. Neben sieben Tonnen Musikinstrumente
und Ausrüstung waren nur sechzehn Passagiere an Bord.
Drei von ihnen stellten auf dem unbeständigen Markt menschlicher
Fertigkeiten zurzeit einen beträchtlichen Wert dar: Der
Erste ein ehemaliger Angestellter der Hove Bank, gefeuert
wegen Unfähigkeit. Der Zweite einstiger Liftboy in verschiedenen
Londoner Kaufhäusern. Der Dritte Profidrummer seit seiner
Schulzeit, damit einem Rat seines Vaters folgend, der resignierend
erkannt hatte, dass sein Sohn nur mit diesem einzigen Talent
auf die Welt gekommen war, was blieb ihm da anderes übrig?
Wie ein mittelalterlicher Hofstaat
Heute, ist jedes Knöchelchen ihrer dreißig Finger
bei Lloyds für Unsummen versichert und wenn sie reisen,
bewegen sie, sich wie ein mittelalterlicher Hofstaat fort,
drei Kronprinzen mit einem Dutzend loyaler Diener, die sie
diensteifrig umspringen. Emerson,
Lake und Palmer. Ihre Musik, gefiltert durch eine Batterie
von Pianos, Schlaginstrumenten, elektrischen Orgeln und einem
Moog-Synthesizer, der auf alle Arten von Geräusch programmiert
werden kann - eine hochindividuelle Musik, schlägt in
Europa und einem Gutteil von Amerika beachtliche Wellen.
Jetzt wurde dieser Sound live auf den neuen und unglaublich
lukrativen japanischen Markt exportiert, der als zweitgrößter
Plattenmarkt der Welt, dicht hinter Amerika, zu einer unerlässlichen
Station auf dem internationalen Tourneenkarussell geworden
ist.
Emerson, Lake, und Palmer sollten
nach Monaten der Planung zwei Konzerte geben; ein großes
in Tokio, ein kleineres in Osaka. Ihr erster Versuch die Festung
im Sturm zu nehmen. Ein Unternehmen, dessen Ausgang absolut
noch nicht feststand.
Die Resonanz bei ihren Auftritten ist sehr extrem, entweder
man liebt sie oder man hasst sie. Die "New York Times"
zum Beispiel veröffentlicht unweigerlich feindselige
Kritiken, räumt ihnen aber soviel Raum ein, dass es an
sich schon Zeichen eines wenn auch perversen - Respekts ist.
In England wurden Emerson, Lake und Palmer schon wiederholt
von den Lesern des Melody Maker zu Topinterpreten in ihrem
Bereich gewählt; und sie wurden noch vor den Rolling
Stones - als beste internationale Gruppe genannt. Ihre Konzerte
in England sind immer ausverkauft. Aber wie würde sich
der Orient verhalten? Zwar kamen ihre Platten auf der Ginza
gut an, aber Live-Vorstellungen sind doch einige Schuhnummern
größer und ein kleines, aber deutlich fühlbares
Fragezeichen hing in der Luft, ebenso eine gewisse Gespanntheit.
Die Musiker hatten einen Projektor und einen Pornofilm namens
"Schneewittchen und die sieben Zwerge" mitgebracht,
von Emerson mit dem Ton des ursprünglichen Walt-Disney-Filmes
unterlegt, aber der Pilot hatte ihnen verboten, den Projektor
anzuschließen, vermutlich mit dem Argument, er könnte
einen Kurzschluss im Bordsystem verursachen.
So hatten sich die Passagiere damit abgefunden, dass es kein
Unterhaltungsprogramm während des Fluges geben würde,
dösten, spielten Schach, lasen oder zogen sich in das
leere Abteil der Touristenklasse zurück, um die Zeit
auf ihre Weise zu verbringen. ihr Durchschnittsalter, von
mir selbst einmal abgesehen, lag bei dreiundzwanzig. Neben
den drei Musikern bestand die Gruppe aus einem Public-Relations-Mann,
dem Manager, dem Road Manager, seinem Assistenten, einem Fotografen,
einem Journalisten von einer Musikzeitschrift und den sieben
Roadies.
Die Söldner des Musikgeschäfts
Die Roadies sind die gedungenen Söldner des Musikgeschäfts,
ein zäher, unabhängiger Schlag, dessen Aufgabe es
ist, für die Ausrüstung zu sorgen, sie für
die Konzerte aufzubauen und ihren drei Herren alle Wünsche
von den Augen abzulesen. Die Hierarchie der Roadies ist so
starr und unveränderlich, wie die einer kaiserlichen
Leibgarde. Angeführt werden sie vom Chefroadie, einem
Pfarrerssohn namens Vic, und was Vic sagt, ist Gesetz. Darüber
hinaus hat jeder Musiker seinen eigenen Roadie, der Fachmann
für das Instrument ist, das sein Chef spielt. Zusammen
mit ihnen arbeitet der Mixer: Beim Konzert sitzt er an einem
komplizierten Kontrollpult und steuert die Lautsprecher aus.
Schließlich gibt es noch zwei Spediteure, massive tätowierte
Burschen mit Händen wie Schaufeln. Offiziell sind sie
dazu da, schweres Gerät zu transportieren, inoffiziell
bekleiden sie eine Art paramilitärisches Amt: Wenn die
Fans die Bühne stürmen, werden sie von den auf ihre
Sitze zurückkatapultiert. Ihre Namen sind Robert Kelly
und Bob Pope und sie gelten als die besten Trucker weit und
breit.
Einige Stunden Flugzeit später taucht der Fudschi, geformt
wie ein Ameisenhügel über dem dunstigen Horizont
auf, rosa wie eine Eistorte in der sinkenden Sonne. Bei der
Ankunft, von ELP in Japan gibt es einige unangenehme Momente.
Nach dem Schlangestehen für Zoll und Grenzkontrolle -
der einzigen Gelegenheit während des ganzen Aufenthaltes,
wo man vornherein erwartete, dass sie sich wie simple Sterbliche
verhielten - wurden sie von einem kreischenden, drängelnden
Mob von halbwüchsigen Fans empfangen, der gegen den Scheinwiderstand
einiger Flughafenpolizisten die Musiker einkesselte, ergriffen
schluchzte und nach Amuletten und Schmuck grabschte.
Millionen Japaner wussten nun, dass ELP angekommen waren
Die Engländer wirkten erstaunt, fast ärgerlich,
sie sind ruhige Leute und mit Gewalttätigkeit wollen
sie nichts zu tun haben. Die Demonstration, halb spontan,
halb von den japanischen Promotern, die müde aber triumphierend
danebenstanden, inszeniert, erfüllte jedoch ihren Zweck.
Am Abend wurde der Auflauf als wichtige Neuigkeit auf zwei
Fernsehkanälen gebracht, und am nächsten Morgen
veröffentlichten drei Tokioter Zeitungen die Geschichte
mit Bildern. Millionen Japaner wussten nun, dass ELP angekommen
waren. Die fieberhafte, letzte Vorbereitungsphase für
das große Konzert in Tokio hatte begonnen,
Im Hilton ging mittlerweile alles daneben. Nach einer Fahrt
in die riesige gestaltlose Stadt mit einer Bevölkerung
größer als die Australiens, hatten sie das Hotel
betreten und sofort verkündet, sie zögen wieder
aus; das Hilton mit seiner Atmosphäre von American Way
of Life entsprach absolut nicht dem Japan, das sie sehen wollten.
An diesem Punkt nahm sie ein hochgewachsener, gewandter und
einnehmender Mann namens Tots Nagashima unter seine Fittiche.
Nagashima, der die Kriegsjahre in London verbracht hatte,
ist ein wohlhabender Musikverleger, der sich mit Künstlern
auskennt und weiß, wie man mit ihren Temperamentsausbrüchen
umgeht. Er führte sie in die Bar, ließ einen guten
Whisky servieren und redete mit leiser Stimme auf sie ein.